Das Entgeltsystem als Problemursache? … für mehr als 30 % Ausschuss?

„Ich soll putzen? – Nö, das kostet mich doch nur mein Geld!“

Das Entgeltsystem als Ursache für Qualitätsprobleme? – Ja, aber nicht, weil wie in diesem Praxisbeispiel das Unternehmen den Mitarbeitern zu wenig Lohn gezahlt hätte …

Die meisten Mitarbeiter verhalten sich regelkonform – wie auch in diesem Fall.

Oft nutzen sie auch im Unternehmen die zulässigen Grenzen „mehr oder minder großzügig“ aus, um so ihren persönlichen Vorteil zu optimieren – auch wenn es mitunter zum Nachteil des Unternehmens ist.

Unternehmenswerte, Unternehmensrichtlinien, Arbeits- und Sicherheitsanweisungen und auch das Entgeltsystem steuern das Verhalten und die Arbeitsweise der Mitarbeiter.

Qualitätsverbesserungsprojekt Lackiererei

Hier möchten wir ein Beispiel aus einem Qualitätsverbesserungsprojekt aus dem Bereich Automobilzulieferung beschreiben:

Das Unternehmen macht finanzielle Verluste u.a. weil im Bereich Lackiererei sehr hoher Ausschuss – im Schnitt mehr als 20%, oft z.T. deutlich mehr als 30% entsteht. In der Folge ist erhebliche Nacharbeit erforderlich und oft auch teure Verschrottung von Teilen , die „nicht mehr zu retten“ sind.

Die Ursachen waren zunächst nicht offensichtlich.

Der Lackierprozess

In der Lackiererei werden die Rohteile von Mitarbeitern der Fertigung auf Tragegestelle gesteckt. Die beladenden Tragegestelle durchlaufen den Lackier- und Härteprozess. Sie werden danach – ebenfalls von den Mitarbeitern der Fertigung – (ohne Q-Prüfung!) abgeräumt, in Boxen abgelegt. Diese beladenen Boxen gehen zur Entkontrolle durch Mitarbeiter der QS.

Weil die Gestelle natürlich mitlackiert werden, durchlaufen die Gestelle eine automatische Reinigung. Leider ist diese nicht perfekt. Deshalb muss eine visuelle Kontrolle und manuelle Nachreinigung vor dem Aufstecken der Rohteile durch den Fertigungsmitarbeiter erfolgen.

Entgeltsystem als Ursache

Beim Gang vor Ort war zumindest eine Ursache für die hohen Ausschusszahlen sofort offensichtlich. Selbst bei deutlich sichtbaren Verschmutzungen der Gestelle erfolgte keine oder nur sehr oberflächliche, schnelle manuelle Nachreinigung durch den Fertigungsmitarbeiter.

Bei mehreren Vor-Ort-Beobachtungen sprach ich immer wieder verschiedene Fertigungsmitarbeiter auf diesen gut erkennbaren Missstand an. Die Mitarbeiter antworteten sehr offen und klar. Die Antworten waren ernüchternd, aber nicht überraschend:

„Ich weiß, dass die Verschmutzungen Schlechteile erzeugen.
Aber wir werden im Akkord auf Stückzahl bezahlt.
Und wenn ich mehr putze, habe ich weniger Stückzahlen und
am Ende des Monats weniger Geld in der Lohntüte!“

Oft kam auch noch ein Zusatz sinngemäß „Wir haben das schon öfter angesprochen, aber unser Management hört nicht auf uns.“ Soweit zur Mitarbeitermotivation …

Die Prozessverbesserung

Die Verbesserungsidee war naheliegend: Wir ändern das Entgeltsystem von einer Bezahlung im Akkord d.h. von Stückzahl / Zeit auf Anzahl i.O. lackierte Teile / Zeit.

Damit ist durch das geänderte Entgeltsystem der Anreiz für die Fertigungsmitarbeiter vorhanden, gute Teile in großer Stückzahl zu fertigen.

Als weitere Massnahmen wurden darüber hinaus u.a. gemeinsame Qualitäts-Regeltermine von QS und Fertigung eingeführt, bei der die verbliebenen Fehler analysiert und die Fehlerursachen beseitigt wurden.

Mittelfristig ist angestrebt, die strikte personelle Trennung von Fertigung & QS für die Fertigungsbegleitende Prüfung aufzuheben um bei Q-Mängeln diese sofort zu erkennen und schneller reagieren zu können. D.h. der „Ablader“ wird auch Q-Prüfungen durchführen, was im Sinne der Lean Prinzipien und Poka Yoke ist.

Und natürlich waren die Qualitätsquoten und Q-Fortschritte tägliches Thema im Shopfloor Management (SFM).

Die Widerstände

Es war allerdings ein langer Weg bis zur Entscheidung, das Entgeltsystem tatsächlich umzustellen. Weniger, weil dies von den Fertigungsmitarbeitern abgelehnt worden wäre.

Sondern wegen Bedenken im Management, in HR und im Betriebsrat, dass dann ein Mitarbeiter sozial oder finanziell schlechter gestellt sein könnte. … Alles zu Lasten des Unternehmens und ohne der Aussage des TOP-Managements Glauben zu schenken, dass, falls es nicht zu einer signifikanten Verbesserung käme, die Schließung der Lackiererei erfolgen werde.

Ergebnis

Die Ausschussquote sank von weit über 20% auf unter 5%.

Kunde:

mittelständiger Automobilzulieferer

Branche:

Automobilzulieferung, Oberflächenbeschichtung

Aufgabenstellung:

Qualitätsverbesserung, Reduzierung von Ausschuss und Nacharbeit, Verbesserung der Liefertreue, Schulung Problemlösungstechniken, Verbesserung der Problemlösungskompetenz

Schulung QM – Methoden & Problemlösungsmethoden

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Stichworte: Entgeltsystem Mitarbeitermotivation Lean Prinzipien Poka Yoke Prozessoptimierung Praxisbeispiel


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